Dankbarkeit vs. Zufriedenheit

Warum mir die Zufriedenheit sympathischer ist als die Dankbarkeit.

Ich bin dankbar für…

…mein Erwachen am Morgen.

…die wunderbaren Menschen in meinem Leben.

…das tolle Abendessen mit guten Freunden gestern.

…diese eine Yogastunde, die mich der Erleuchtung so viel näher gebracht hat.

…dieses tolle Projekt, über dem ich gerade geheimnisvoll brüte.

So liest sich das auf Instagram ständig. Alle Blogger, spirituellen Leader, Coaches, Gurus – und all die Menschen, die sich die Blogger, spirituellen Leader, Coaches und Gurus zum Vorbild nehmen, weil sie an Gott nicht mehr glauben wollen (unter anderem weil Gott eben keinen Instagram-Account hat, dem man einfach so folgen könnte) – sind den lieben langen Tag ununterbrochen dankbar. Für den Matcha Latte und den Avocado-Toast, für die eigenen Kinder, für das Lächeln unbekannter Menschen, für so ziemlich alles. #grateful #gratefulness

Mir persönlich geht diese Sache mit der Dankbarkeit auf die Nerven, weil sie zum inflationär angewandten Trend mutiert ist. Ich will morgens keine 3 Dinge in mein 6-Minuten-Tagebuch schreiben, für die ich dankbar bin (Ja, ‚Journaling‘ ist jetzt mindestens so angesagt wie Gratefulness!), nur weil es gerade chic ist.

Die Aneinanderreihung diverser Rituale nennt man ja neuerdings gerne ‚Morgen- oder Abendroutine‘, weil man bei der Übersetzung aus dem Englischen nicht bedacht hat, dass Routine in unserer Sprache nicht unbedingt etwas Erstrebenswertes ist.

Ich habe es probiert, es macht keinen Spaß und es landen immer dieselben Sätze auf den drei vorgesehenen Linien. Und das obwohl ich zu den Menschen gehöre, die vor Kreativität förmlich übergehen. Nach zwei Wochen habe ich das Experiment ad acta gelegt.

Für Zukünftiges jetzt schon dankbar sein

Es ist nicht unbedingt gut, nur weil es alle tun. Dieser Spruch von einem meiner Yogalehrer begleitet mich schon lange und wird von mir immer dann hervorgeholt, wenn etwas allgemein Geläufiges hinterfragt werden will. Nein, ich habe keine gesteigerte Lust auf Dankbarkeit, denn sie katapultiert mich aus dem gegenwärtigen Moment. Dankbarkeit hat ihren Anker in der Vergangenheit. Ich bin dankbar für etwas, das schon hinter mir liegt, wie sollte ich sonst auch wissen, wofür ich dankbar bin.

Ich kann auch dankbar sein, um meine ideale Zukunft vorwegzunehmen. Das ist ein Trick, mit dem die spirituelle Neurowissenschaft gerne um die Ecke kommt: Man malt sich – möglichst detailreich – aus, wie man in absehbarer Zeit leben möchte. Welchen Job man haben und wie viel Geld man damit verdienen möchte, womit man seine Freizeit verbringen möchte und welche Charakterzüge die Traumfrau oder der Traummann haben sollte. Und dann ist man einfach mal eine Runde lang dankbar für alles, ganz so als wäre es schon eingetreten.

Es geht dabei um Energie, Schwingungen und Quanten. Man zieht eben genau das in sein Leben, woran man intensiv denkt. Das, was man durch den eigenen Filter lässt. Man hat es sozusagen selbst in der Hand, ob einem im Leben Gutes widerfährt oder nicht.

Gedanken beeinflussen den Geist und dieser wiederum das Quantenfeld. Ich selbst bezeichne diesen Mechanismus gerne als ‚Verdichtung von Energien‘.

Ich bin überzeugt, dass es funktioniert. Wobei ich noch nicht überprüft habe, was passiert, würde man tagelang von morgens bis abends nur an faule Äpfel denken.

Wie dem auch sei: Ich glaube an Energien und Anziehungskräfte, mit der Dankbarkeit freunde ich mich deshalb aber noch lange nicht an. Denn sie bringt mich in die Vergangenheit oder sie zieht mich in die Zukunft. Ich bin selten dankbar für den aktuellen Moment. Diese Sekunde gerade oder die nächste. Das vergessen wir irgendwie. Ein kollektives Phänomen. Ich bin eher für die letzte Reise, den Kaffeeplausch mit der besten Freunden oder das vergangene sonnige Wochenende dankbar, wenn ich die drei Zeilen in meinem Tagebuch füllen soll. Am allerwenigsten denke ich an den Atemzug, der gerade in mir stattfindet – ja, genau: jetzt! – obwohl der doch ein echtes Wunder ist und am ehesten jede Art von Dankbarkeit verdient hätte. Oder ich male mir eben eine traumhafte Zukunft aus, für die ich mal vorsichtshalber dankbar bin, um den Effekt der Energieanziehung zu verstärken.

Ein seltenes Wort, das mich zufrieden macht

Ich habe ein viel besseres Wort gefunden, das nur in der Gegenwart Gültigkeit hat. Es wird so selten benutzt, dass es schon fast antiquiert erscheint. Es ist kein Modewort, es trägt eine dicke Staubschicht vor sich her. Ich mag so etwas. Es handelt sich um die Zufriedenheit. Wer ist heute noch zufrieden? In einer Welt, in der genug nie genug ist, höre ich das nie jemanden sagen.

Wenn auf ein „Wie geht es dir?“ nur ein „Ich bin zufrieden“ folgen würde, würden wir irgendeinen Superlativ im Satz vermissen. Es muss einem doch unglaublich supertoll gehen, damit der andere neidisch ist. Oder absolut furchtbar, damit man einen Grund zum Jammern hat. Aber zufrieden? Das sagt niemand mehr. Und vermutlich fühlt es auch niemand mehr, weil es in einer lauten, schillernden Welt, die sich ständig im Überfluß badet, irgendwie lasch klingt.

Ich finde aber, wir können von der Zufriedenheit einiges lernen. Ich bin gerade sehr zufrieden. Zufrieden, dass ich diese Zeilen losgeworden bin. Während mir der warme Sommerwind durchs Haar weht. Auf einer Insel im Mittelmeer. Es ist gerade alles so perfekt, dass ich nicht dankbar für das Vergangene oder Zukünftige sein muss, sondern einfach nur zufrieden sein kann. Jetzt in diesem Moment.

– Jeanette

 

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen