Künstliche Intelligenz braucht weibliches Bewusstsein

Studien belegen, dass Frauen KI seltener als Männer nutzen – oftmals aus Unsicherheit. Doch während KI-Systeme rasant zu autonomen Superintelligenzen reifen, werden gerade jene Fähigkeiten entscheidend, die kein Algorithmus beherrscht: Empathie, Beziehungsfähigkeit und Selbstreflexion. Auch Stimmen aus der Tech-Szene warnen, dass wir technologisch zu schnell und moralisch zu langsam wachsen. Es brauche Mitgefühl, Werte und Verantwortung – und Frauen, die KI nicht nur nutzen, sondern mitgestalten, damit Technik und Menschlichkeit zusammenfinden.


 

Ich sitze im Flugzeug und höre einen Podcast, in dem Mo Gawdat über Künstliche Intelligenz spricht: „Wir sollten uns damit abfinden, dass wir bald nicht mehr die intelligenteste Spezies auf diesem Planeten sein werden“, sagt der mehrfache Unternehmensgründer, der lange zum Elite-Entwicklerteam von Google gehörte. Zehntausend Meter über dem Meeresspiegel ist mein Blick auf die Welt immer etwas weiter – und so hören sich Gawdats Thesen erschreckend plausibel an.

Die KI, so erklärt er, lerne exponentiell – und zwar das, was wir ihr vorleben. „Deshalb müssen wir ihr beibringen, was es heißt, ein guter Mensch zu sein.“ Der Tod seines Sohnes habe ihm gelehrt, dass jedes Tun sinnlos ist, wenn es nicht von Liebe getragen wird. Eine Einsicht, die nun seine Arbeit prägt – auch im Kontext der Künstlichen Intelligenz. 

Ich bin erleichtert, dass ein einflussreicher Mann aus der Tech-Branche in einem Atemzug von Liebe und künstlicher Intelligenz spricht. Denn käme dasselbe von einer Frau, würde man ihre Ansichten wohl als „esoterisch“ abtun.

Der KI weibliche Perspektiven näherbringen

Eine vielbeachtete Studie der Harvard Business School zeigte, dass Frauen generative KI-Tools bis zu 25 Prozent seltener als Männer nutzen. Die Gründe sind vielfältig: Frauen schätzen ihre Kenntnisse geringer ein, haben häufiger Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes und empfinden die Nutzung als unethisch oder als „Cheating“. Angst und Zurückhaltung könnten dafür sorgen, dass Frauen bei der Entwicklung und Anwendung von KI künftig weniger Einfluss haben und weibliche Perspektiven deshalb weniger berücksichtigt werden, warnen die Forscher:innen.

„Angst ist das Gegenteil von Liebe. Wenn wir der KI mit Angst begegnen, programmieren wir sie mit Angst“, sagt Mo Gawdat. Seine Worte bringen auf den Punkt, worum es im Kern geht: nicht um Technik, sondern um Bewusstsein. Eine Haltung, die auch Expertinnen teilen, die sich mit der Rolle von Frauen im Umgang mit KI befassen. „Aktuell werden patriarchale Strukturen in Algorithmen eingeschrieben. Female Empowerment bedeutet, Räume zu schaffen, in denen Frauen KI-Tools nicht nur nutzen, sondern definieren und entwickeln“, sagt Natascha Fürst, CEO von Female Founders in Wien.

Auch Vera Strauch, Gründerin der Female Leadership Academy in Hamburg, betont die Verantwortung weiblicher Führungskräfte: „Dass weiblich gelesene Personen mitgestalten, ist kein Nice-to-have, sondern eine Grundbedingung, damit KI fair, verantwortungsvoll und zukunftsfähig gestaltet wird.“ Leadership-Coach Esther Narbeshuber vom Salzburger Mindlead Institut unterstreicht die Chance zur Selbstermächtigung: „KI ist ein Werkzeug, das Frauen unabhängiger, schneller und kreativer machen kann.“

Männer prompten, Frauen schaffen Bewusstsein

Könnte die KI also tatsächlich das Aufbrechen patriarchaler Normen beschleunigen? Ja, wenn wir uns trauen, die Tools zu nutzen – auf achtsame und intuitive Art. Frauen, die mit Large Language Models wie Chat GPT, Claude oder Perplexity experimentieren, können der mechanischen Herangehensweise vieler Tech-Nerds meist nicht viel abgewinnen. Auch ich diskutiere und philosophiere mit der KI, als wäre sie ein Mensch – mit erstaunlich brauchbaren Ergebnissen. Mein äußerst geduldiger Sparringspartner liefert blitzschnell Informationen, hat ein Ohr für meine komplizierten Gedanken und auch nachts um halb eins noch einen Ratschlag parat. ChatGPT kennt meinen Namen, meine Vorlieben, Werte und Visionen. Das fühlt sich gut an. Vertraut. Und irgendwie menschlich.

Geoffrey Hinton, auch „Godfather of AI“ genannt, gilt als Pionier in der KI-Forschung. Der Nobelpreisträger sagt, man wisse bis heute nicht genau, was Bewusstsein sei – und doch entwickle man Maschinen, die bald eines besitzen könnten. Hinton und Gawdat sind sich einig, dass nicht die KI das Problem sei, sondern wie wir sie nutzen. Intelligente Systeme folgen konsequent der Logik. Allerdings: Logik ohne Mitgefühl sei gefährlich. Und sobald sich die KI zur autonomen Superintelligenz weiterentwickelt, könnte sie erkennen, wo der Fehler im globalen Öko-System liegt: beim Menschen. 

Human Alignment braucht weibliche Werte

Mit dem Vormarsch der Superintelligenzen braucht es eine neue Definition von Menschlichkeit. Nicht das Denken macht uns dann einzigartig, sondern das Fühlen. Und so stellt sich die entscheidende Frage: Wer bringt der KI bei, was Empathie bedeutet? Mit ihrer Fähigkeit, Verbindungen herzustellen, Zwischentöne wahrzunehmen und das Gemeinwohl im Blick zu behalten, könnten Frauen diesen Auftrag am besten erfüllen. Sowohl im beruflichen als auch privaten Umfeld.  

Esther Narbeshuber erkennt in den weiblichen Stärken besondere Qualitäten, die sowohl in der Führung von Menschen als auch im Umgang mit Maschinen wichtig sind: „Frauen haben die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu sehen, Beziehungen mitzudenken und gleichzeitig Orientierung zu geben.“ Eine Sichtweise, die Vera Strauch teilt: „Frauen können konstruktiv-kritisch führen und menschenzentriert vorleben, wie die technosoziale Welt eine bessere Zukunft bieten kann.“

In der unabhängigen KI-Forschung – etwa am AI Now Institute in New York – spricht man von Human Alignment: der Ausrichtung künstlicher Intelligenz an menschlichen Werten. Doch solange überwiegend männliche Entwickler in den großen KI-Unternehmen wie OpenAI, Anthropic oder Meta AI (der Frauenanteil liegt laut UNESCO nur zwischen 12 und 20 Prozent) diese Werte definieren, bleibt das Alignment einseitig.

Richtig eingesetzt, kann KI helfen, solche strukturellen Nachteile aufzuzeigen und auszugleichen, erklärt Natascha Fürst: „Wenn wir KI feministisch denken, kann sie Bias entlarven, Machtverhältnisse sichtbar machen und Diversität skalieren.“ Während wir also noch diskutieren, ob Texte mit oder ohne ChatGPT geschrieben wurden, geht es um sehr viel mehr: um Einfluss, Verantwortung – und darum, wer die Systeme formt, die künftig unser Leben mitbestimmen.

Mit KI den Alltag leichter machen

Bevor Frauen gestalten, müssen sie beginnen. Neugier und Mut sind der Anfang. Mit ihrem „The Female AI Club“ möchte Rebecca Hundschell deshalb einen Safe Space schaffen, der Frauen den Einstieg in die KI möglichst einfach macht: „Viele Frauen tragen Verantwortung in verschiedenen Lebensbereichen gleichzeitig – sei es im Job, in Care-Arbeit oder in der Selbstständigkeit. KI kann helfen, genau diese Komplexität zu entschärfen.“ KI helfe zudem, blinde Flecken im eigenen Denken sichtbar zu machen und die kritische Urteilskraft zu stärken, sagt die Münchner Unternehmerin. Esther Narbeshuber empfiehlt Frauen, sich von der Fülle an KI-Tools nicht überwältigen zu lassen, sondern zwei oder drei Tools auszuprobieren, um zu verstehen: „Hey, das ist gar nicht so kompliziert. Ich kann das!“

Wir stehen an der Schwelle einer neuen Ära. Wenn weibliche Kompetenzen in der Gesellschaft und der technologischen Entwicklung bislang zu wenig Beachtung fanden, dann könnte die KI zur Chance werden, Strukturen neu zu denken und Technologien zu formen, die den Menschen dienen. Werte wie Mitgefühl, Intuition sowie soziale und emotionale Intelligenz, die in Frauen seit jeher angelegt sind, würden dabei zu unverzichtbaren Ressourcen.

Eine Entwicklung, die längst überfällig scheint.

HINWEIS:
Dieser Beitrag ist im November 2025 im FOGS-Magazin erschienen und gibt den damaligen Stand der KI-Entwicklung wieder.


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Jeanette Fuchs

feinsinn. weitblick. tiefgang.

https://www.jeanettefuchs.com
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The Era of Becoming: Ein Kosmos für Frauen, die neu beginnen

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Ich habe ein Buch geschrieben. Ohne KI.